Ein Krimi für Geniesser: Die Sache mit den Sternen
3. Kapitel (letztes)

Im Torbogen des Hauses mit der Nummer 24 hing ein Schild, auf dem der Name eines Weinguts stand. Gérard betrat den Weinladen dahinter und frage nach Monsieur Michel Tourain. „Ah, Michel“, sagte der Mann, der hinter dem Verkaufstresen stand und Gérard an ein kräftiges Nagetier erinnerte, „einer unserer besten Kunden. Soll ich ihm etwas ausrichten?“ „Wo kann ich ihn denn finden?“ fragte Gérard. „Er ist“, sagte das Nagetier, „heute Nachmittag hier, vers trois heures.“ Gérard nickte und sagte: „Dann bis später, merci.“

Am Nachmittag, als Gérard die Tür des Ladens aufschob, kam ihm das Nagetier schon entgegen und rief: „Michel hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, dass Sie ihn in Vosne-Romanée treffen können. Da gibt es die Toute Petite Auberge, ein schönes Lokal, très charmant. Er wird dort auf Sie warten.“

Schwere Gewitterwolken schoben sich über den Weinbergen zusammen. Gérard genoss den weiten Blick, der sich ihm bot: Felder, kleine Dörfer, Weingüter. Und doch war ihm nicht ganz wohl. Ein bisschen zu idyllisch alles, dachte er. Er stellte das Radio an und dachte an eine Geburtstagsfeier, auf der er einen Wein aus Vosne-Romanée getrunken hatte. Der Wein war eine regelrechte Geschmacksexplosion gewesen, mit einer aromatischen Wucht und Raffiniertheit – eine Vereinigung von Muhammad Ali und Maria Callas.

Die Toute Petite Auberge lag direkt an der burgundischen Weinstraße, ein einstöckiges Haus mit roten Wänden und Gauben, die wie Miniaturhäuschen auf dem Dach hockten. Neben dem Kamin im Salon saß ein kleiner Mann und sah Gérard über den Rand seines Weinglases hinweg an. Er stand auf, als Gérard näher kam, stellte sich als Michel Tourain vor. „Ich denke“, sagte er, „eigentlich suchen Sie nicht mich.“ Und auf Gérards fragenden  Blick hin antwortete er: „Sie suchen eine Frau, n’est-ce pas?“ „Das glaube ich zumindest. Woher wissen Sie das?“ „Ich habe meine Quellen“, sagte Tourain und zwinkerte. „Kennen Sie die Domaine Romanée-Conti?“ „Vom Namen.“ „Von dort kommt der beste und teuerste Wein der Welt.“ „Habe ich gehört.“ „Würden Sie das Weingut gerne einmal besuchen?“ „Haben Sie mich gestern angerufen und mir die Adresse des Weinladens in Arbois gegeben?“ fragte Gérard und Tourain sagte: „Lassen Sie uns erst einmal etwas essen.“

 

Gérard ließ sich einen de Coq au vin schmecken, dazu einen Pinot Noir mit einem rauchig-süßen Aroma. Gleichzeitig beobachtete er Tourain – ein Lockvogel, da war Gérard sich sicher. Er wusste nur nicht, wohin er ihn locken sollte. Während Tourain an seinem Wein nippte, kam Gérard eine Reise in den Sinn, vor etwa vier Jahren, mit seiner damaligen Freundin, Monique. Sie waren durchs Burgund und die Franche-Comté gefahren. Am meisten beeindruckt hatte ihn die Saline Royale von Arc-et-Senans, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Die schlossartige Anlage und die Ausstellung zur Salzgewinnung im 18. Jahrhundert hatten ihn so begeistert, dass er gar nicht mehr gehen wollte. Am Ende war Monique völlig genervt – Monique! schoss es ihm durch den Kopf. Gérard fixierte Tourain und sagte: „Schickt Sie Monique Leclaire?“ Tourain tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab. „Über Frauen“, sagte er, „redet man nicht.

Man verführt sie.“ Er legte seine Serviette auf den Teller und fügte hinzu: „Ich schlage vor, wir machen morgen einen Ausflug nach Beaune. Das tel-Dieu muss man gesehen haben. Morgen früh um halb neun hier im Salon?“ Damit verließ er den Raum. Das Hôtel-Dieu der Hospices de Beaune leuchtete Gérard mit seinen bunten Ziegeln entgegen wie eine Erinnerung, die sich mit Macht ins Bewusstsein drängt. Auch hier war er mit Monique gewesen und er war nicht stolz darauf, wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte damals. Als sie ein paar Straßen weiter im Restaurant Le Cheval Noir saßen, fragte Gérard: „Ist das nicht ein bisschen viel Aufwand, Drohbriefe an Jacques Lombardi zu schicken, um mir etwas mitzuteilen?“ Tourain sagte: „Die Wege schöner Frauen sind unergründlich“. Auf den Spruch gönn ich mir erstmal ein paar Burgunder-Schnecken an einer leckeren Knoblauch-Buttersauce, dachte Gérard und klappte die Karte zu, dass es knallte. Dazu bestellte er einen Chardonnay.

Er überlegte, was Monique im Schilde führen könnte, und ihm fiel auf, dass ihn die Sache gar nicht wunderte. Es passte in gewisser Weise zu ihr. Sie stiegen wieder ins Auto. Die nächste Station war der Weinort Puligny-Montrachet, einige Kilometer südlich. Urige Häuser aus beigem Kalkstein reihten sich inmitten von Weinbergen aneinander. Kein Mensch war zu sehen. Nachdem sie einige Minuten durch die Straßen gegangen waren, klingelte Gérards Handy und die androgyne Stimme sagte: „La Maison d’Olivier Leflaive, Place du Monument“, dann ein Tuten. Gérard sah auf, Tourain war verschwunden.

Das elegante Maison d’Olivier Leflaive war Gérard schon vom Auto aus aufgefallen. Es lag am Markplatz und überragte die Nachbarhäuser um zwei Etagen. Er durchquerte die Hotellobby und noch bevor er auf den Innenhof hinaustrat, sah er eine Frauengestalt an einem der Tische sitzen, einen  Sonnnenhut mit geschwungener Krempe auf dem Kopf, ein Glas Crémant vor ihr und eine Zigarette, die zwischen ihren Fingern glimmte. Gérard zögerte einen Moment. Dann ging er nach draußen und sagte: „Hallo Monique.“

 

 

Der Autor: Carsten Brinzing ist freier Autor und Journalist.
Mehr Infos unter www.portrait-schreiber.de

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