Ein Krimi für Geniesser: Die Sache mit den Sternen
2. Kapitel (Fortsetzung)

Dieser Brief stammte von einer Frau. Das sagte sein Gefühl. Die Buchstaben  waren aus Zeitungen und Magazinen   ausgeschnitten, ein typographisches Puzzle. Die Wortwahl, der Tonfall – Gérard konnte nicht genau sagen, wo sein Verdacht her kam. Es war schwül. Die Vogesen lagen vor dem Horizont wie schläfrige Tiere. Lange Reihen von Reben überzogen die Hänge rechts und links der Weinstraße, auf der Gérard mit Ziel Riquewihr Richtung Süden fuhr. Gérard hatte leichte Kopfschmerzen, seine Augen brannten. Er beschloss, morgen die Brille statt der Kontaktlinsen zu nehmen, auch wenn er sich damit wie ein verkappter Professor vorkam.

„Eine Frau?“ hatte Lombardi gefragt, „pourquoi ça? Ich wüsste nicht, wer das sein sollte.“
Die Straße wand sich durch kleine Dörfer. Unter den Fenstern der Häuser loderten Geranien. Vielleicht war es auch etwas in Lombardis Blick, das Gérard auf diese Fährte gelockt hatte, etwas in seinen Bewegungen, die etwas anderes sagten als seine Worte.

Während der Unterhaltung mit Lombardi hatte Gérard keinen Hunger gehabt. Jetzt hatte er Lust auf etwas Herzhaftes. In  Riquewihr, einem mittelalterlichen Städtchen, das sich zu Füßen der Vogesen zwischen Felder und Weinberge schmiegte, fiel ihm ein leuchtend blaues Fachwerkhaus ins Auge: Au Tire Bouchon, Winstub stand über dem Eingang. Gérard nahm auf der Terrasse Platz, rieb sich die Augen.

Le Tire Bouchon in Riquewihr

 

Er bestellte einen Crémant Blancs de Blancs, um sich zu erfrischen, außerdem einen Flammkuchen mit Ziegenkäse und kandierten Tomaten. Der Schaumwein prickelte fruchtig am Gaumen, zusammen mit dem würzig-süßen Flammkuchen brachte er Gérards Lebensgeister zurück. Der Druck in seinen Schläfen ließ nach. Am Nachmittag fuhr Gérard die Straße zum Schloss Kientzheim hinauf, wo die Weinbruderschaft St. Etienne später eine ihrer feierlichen Sitzungen abhalten wollte. Monsieur Burger, der  Grand Maître der Bruderschaft, empfing Gérard in roter Robe, einen schwarzen Hut auf dem Kopf und um den Hals eine Kette, an deren Ende ein kleines Weinfass hing.

 

Die Toren zum Château de Kientzheim

Burger führte Gérard durchs Schloss, im Kapitelsaal war es angenehm kühl, der Maître erzählte von Gala Diners, Hochzeiten und den Weinverkostungen der Bruderschaft, die hier stattfanden. „Sagt Ihnen der Name Jacques Lombardi etwas?“ fragte Gérard. „Der Restaurant-Kritiker?“ sagte Burger, „ja, natürlich. Er war schon bei einigen unserer Veranstaltungen.“ Als sie die Treppe zu den oberen Räumen hinauf stiegen, fragte Gérard: „Hat oder hatte Monsieur Lombardi irgendwelche Frauengeschichten hier in der Region?“ Der Grand Maître blieb stehen, drehte sich um und sah Gérard an. „Wieso fragen Sie mich das?“ sagte er. Gérard schaute zurück. Burger rutschte seinen Hut zurecht. Gérardzuckte die Achseln und sagte: „Nur so eine Frage ins Blaue. Wenn Sie etwas wissen – ich bin für Tipps dankbar.“ „Nein“, sagte Burger, „privat weiß ich nichts über Monsieur Lombardi.“

 

Albert Schweitzer von Kaysersberg

Mit einem Laut wie von einem Wasservogel sprang die  Verriegelung der Wagentüren auf und bevor Gérard einstieg, hielt er im Dunst, der die Ebene einhüllte, nach den Dächern des benachbarten Kaysersberg Ausschau. Als Teenager hatten ihn dort die afrikanischen Masken und Waffen im Albert Schweitzer Museum beeindruckt. „Hier ist er geboren worden“, hatte sein Vater gesagt, „hier in diesem Haus.“

Gérard ließ den Motor an und fuhr die Weinstraße weiter nach Süden. In Beblenheim machte er Station am Weingut Bott-Geyl, um einige Flaschen Pinot Blanc Jules Geyl zu kaufen, die Burger ihm empfohlen hatte. Er ließ Colmar hinter sich und als er nach Eguisheim kam, zeichnete die Sonne lange Schatten über Hauswände und Kopfsteinpflaster und brachte die rot, orange, blau und grün gestrichenen Häuser zum Leuchten.

Eguisheim

Während er durch die schmalen Gassen ging, die sich in Kreisen um den Marktplatz herum zogen, klingelte Gérards Telefon. „Arbois“, sagte eine androgyne Stimme, „Michel Tourain.“ Dann nannte sie eine Adresse: „24 Grande Rue.“ „Wer …“, setzte Gérard an, aber als Antwort kam nur ein Tuten aus dem Telefon.

Fortsetzung folgt…
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Der Autor: Carsten Brinzing ist freier Autor und Journalist.
Mehr Infos unter www.portrait-schreiber.de

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