Die Auswanderer – Teil 3: So reiste man damals 1928

be spunky - Auswandern nach Südafrika 1923

Wie ich schon im 2. Teil dieses Berichts erwähnt habe, reisten meine Grosseltern mit meiner Mutter 1928 von Südafrika zurück in die Schweiz. Und wie auch schon angedeutet, ist es für mich, als Reisefachfrau besonders interessant zu erfahren, WIE man vor etwa 90 Jahren gereist ist.

Fahrplan:

Am 16. Mai 1928 begann in Durban für meine Grosseltern das Abenteuer mit dem Dampfer „Tanganjika“ der Hamburg-Amerika Linie und endete am 20. Juni 1928 in Genua*. Insgesamt waren sie also 36 Tage mit dem Schiff unterwegs.

Route Südafrika-Europa:

Die gesamte Route sah so aus (7. April – 6. Juli 1928)
Hamburg-Rotterdam-Southampton-Las Palmas-Loanda-Walvisbay-Lüderitzbucht-Capetown-Port Elisabeth-East London-Durban-Lourenço Marques-Beira-Mozambique-Porto Amelia-Daressalam-Zanzibar-Tanga-Killindini-Aden-Suez-Port Said-Genoa-Marseille-Malaga-Lisbon-Southampton-Rotterdam-Hamburg

Reiseunterlagen

Reiseunterlagen dazu habe ich viele. Unter anderem die „Liste der Reisenden“ inkl. Namen der Besatzung.

Für den Reisekomfort konnte man zwischen 3 Klassen wählen. Meine Grosseltern reisten in der 2. Klasse. Wie ich aus der damaligen Preisliste entnehme, kostete die Fahrt pro Koje (per Berth) 40 Pfund ab Cape Town. Ab Durban kam es vermutlich etwas günstiger (weil kürzere Distanz nach Genoa). Gemäss der Quittung, zahlten sie für die Schiffsfahrt Durban-Genoa für zwei Erwachsene und ein Kind 118.66 Pfund. Es ist sehr schwierig, diesen Betrag mit der Kaufkraft von heute zu vergleichen.
Gemäss den Infos die ich auf google gefunden habe entsprechen 118.66 Pfund (Stirling) von damals zwischen 6’500 und 20’000 Pfund von heute. Das ist natürlich eine grosse Spanne; ich finde jedoch selbst der kleinere Betrag ist ein sehr stolzer Preis für die damaligen Verhältnisse.

Handbuch für Passagiere

 

Informationen für den Passagier

Das „Handbuch für Passagiere“ informiert einerseits über den Ablauf der Reise, andererseits sind darin auch gleichzeitig die „Dos and Don’ts“ beschrieben.

Generell muss ich über den Stil des Textes schmunzeln – ein Deutsch, wie wir es heute nicht mehr kennen (ok.. als Schweizerin mag ich für die deutschen Leser manchmal ja auch seltsam klingen.. 😉 ). Besonders lustig fand ich den Text auf dem ersten Bild, bei den Gepäckbestimmungen: da ist die Rede von Leibwäsche! Hahaha… ich verstehe, was es bedeutet, dennoch habe ich dieses Wort hier zum ersten Mal gelesen.

Interessant ist auch die Information vom letzten Bild – nämlich die genauen Zeitangaben, wann welche Gäste von welcher Klasse zum Frühstück, Mittagessen, Abendessen gehen dürfen. Die Passagiere in der 3. Klasse haben gar kein Zeitfenster: für die wird pünktlich um 8 Uhr das Frühstück serviert. Die 2. Klässler können immerhin bis 9 Uhr frühstücken und die 1. Klass-Passagiere sogar noch 1/2 Stunde länger.

Hmmmm… ich kenne mich ehrlich gesagt mit Schiffsrundreisen nicht aus – ich kann mir jedoch überhaupt nicht vorstellen, dass solche strengen und fixen Regeln heute noch durchführbar wären.

Die Kabinen

Im Handbuch werden auch die Kabinen der verschiedenen Klassen gezeigt. Interessanterweise sind es nur Skizzen und keine Fotos. Zu dieser Zeit lag die Fotografie noch in den Kinderschuhen und offensichtlich war es nicht möglich, die Kabinen zu fotografieren. Die verschiedenen Speisesäle und Salons hingegen werden anhand von Fotos gezeigt:

Ess-Saal und Salon

Mahlzeiten  / Menü an Bord

Ob die Passagiere auch kulinarisch zufrieden waren, weiss ich leider nicht. Ich habe jedoch ein paar Menükarten gefunden, und das sieht meiner Meinung ganz ok aus und sih denke, so lässt es sich während 5 Wochen schon aushalten.

Wie schon erwähnt: ich habe keinerlei Erfahrungen mit Kreuzfahrten und somit fehlt mir auch der Vergleich „damals zu heute“. Wenn ich diese Bilder jedoch anschaue habe ich den Eindruck, dass man vor 90 Jahren schon recht angenehm reisen konnte.

Mich fasziniert vor allem der Faktor „Zeit“.  Damals war man für Europa-Südafrika mehr als 5 Wochen unterwegs. Nebst der Schiffsfahrt kommt ja auch noch der Landweg dazu. Heute fliegt man innerhalb eines einzigen Tages von A nach B. Das finde ich enorm – man kann es eigentlich gar nicht vergleichen.

Doch manchmal denke ich, die Schnelligkeit von heute hat nicht nur Vorteile und Internet, Social Media, Handys usw. fördern die Schnelllebigkeit um ein Vielfaches. Nicht, dass ich das verurteile – im Gegenteil; ich gehöre ja auch zu dieser Gesellschaft! Meine Meinung ist jedoch, dass wir etwas bewusster damit umgehen sollten: dank dem technischen Fortschritt ist im Leben vieles einfacher geworden. Man sollte jedoch sich selber dabei nicht vergessen und sich die Freiheit gönnen, mal wieder die Seele baumeln lassen und dabei einfach auf den Offline-Knopf drücken!

Genau das werde ich hier jetzt auch gleich tun. 🙂

Herzliche Grüsse, Katrin